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Tommy Godex im Interview: Drogen, Alkohol, Depressionen

(c) Stig Bursche - Godex
(c) Stig Bursche – Godex

Im zweiten Teil mit Tommy Godex sprache ich, wie in der Headline angedeutet, über Depressionen, Drogen und demzufolge auch Süchte sowie Alkohol (wenn man das getrennt von Drogen nennen mag, denn es gehört definitiv dazu). Der Musiker deutete das schon im ersten Teil an, der hier zu lesen ist, und ich habe das Angebot, näher mit ihm darüber sprechen zu können, gerne angenommen. Es machen einfach zu wenige und ich finde es viel zu wichtig. Solche Gespräche sind nützlich und mindestens genau so gut, wie die schicken Informationsbroschüren. Aber nun zum Interview.

Hallo Tommy. Wir haben einige komplexere Themen in unserem ersten Interview angeschnitten. Damals hattest Du Drogen, Alkohol und Depressionen genannt, wenn ich mich richtig erinnere. Schon alleine die Erwähnung ist ein mutiger Schritt. Wie kam es denn genau dazu?

Tommy: Alles hat sich sehr langsam entwickelt. Es hat in meiner Teenie-Zeit angefangen. Der schulische Druck war recht groß, meine Eltern hatten hohe Erwartungen an mich und plötzlich habe ich gemerkt, dass ich dem nicht mehr gerecht werden kann. Ich wollte dem aber gerecht werden und war dementsprechenden traurig.

Ein konkretes Beispiel dafür waren meine sportlichen Leistungen. Als Kind war ich im Sportunterricht sehr gut. Das war mir auch extrem wichtig. Mit Einsetzen der Pubertät veränderten sich aber die Leistungsansprüche. Alle Jungs um mich herum hatten große Wachstumsschübe nur ich blieb einfach klein. Plötzlich konnte ich nicht mehr mithalten. Ich entschied mich dann einfach in die Rebellion zu gehen. Der Sportunterricht war dann eben scheiße und ich schloss mich einer Gruppe in der Schule an, die den Unterricht ebenfalls scheiße fanden. Anstatt Sport zu machen rauchten wir lieber, tranken schnell auch Alkohol und probierten diverse Drogen aus.

Damals entdeckte ich die Welt wirklich fast wieder neu. Es war absolut toll high zu sein. Die Welt war wunderschön, die Wiese so extrem „abgespaced“ und grün, alles war ganz anders und aufregend und ich konnte vom Leistungsdruck und meinen Ängsten zu versagen recht gut abschalten. Gleichzeitig beflügelte besonders der Alkohol mein Selbstbewusstsein und ich fing an in meiner ersten Band zu singen. Wenn ich high war, war fast immer alles total cool und ich erlebte unglaublich viele und tolle Sachen.

Gut, ich war jetzt nicht andauernd high. Ich hatte immer wieder Phasen in den ich sehr straight gelebt habe. Ich habe mein Abi gemacht, dann musikalische Aufnahmeprüfungen in Maastricht und in Essen für ein Studium bestanden, ich war sehr kreativ, der Sport hatte auch wieder einen Weg in mein Leben gefunden und es gab erste Erfolge mit meiner Band.

Mit der Zeit wurde dann aber alles düsterer. Der Erfolg mit meiner Musik, den ich unbedingt haben wollte, ist nicht eingetreten. Ebenfalls merkte ich, dass der Konsum von Alkohol und Drogen immer zwanghafter wurde. Straighte Phasen habe ich dann auch aufgegeben, da die mir irgendwie nicht wirklich was gebracht haben. Und recht am Ende meiner Drogenlaufbahn habe ich bemerkt, dass die Freude, die ich damals hatte, wenn ich high war, plötzlich nicht mehr da war. Es war alles nur noch Zwang und wurde sehr exzessiv.

Der Zeitraum, über den ich jetzt berichtet habe, begann mit 15 Jahren und endete als ich ca. 34 Jahre alt wurde. Es liest sich vielleicht schnell, aber die Entwicklung war sehr schleichend. Und das ist speziell bei weichen Drogen, meiner Meinung nach, eine große Gefahr. Ich habe die Abhängigkeit nicht wirklich mitbekommen. Mein ganzes Umfeld bestand aus Menschen, die ähnlich gelebt haben. Es war irgendwie alles ganz normal.

In Deinem Fall wurde das Klischee mit der Dunkelheit leider traurige Wahrheit. Hast Du Deinen Hilfebedarf selbst gesehen und eingesehen?

Tommy: Nachdem ich 2009 meine erste Band Thora beendet habe und Godex gegründet hatte, sollte alles anders werden. Mit Thora hatte ich eine recht satanische Weltanschauung und Godex sollte in eine neue positivere Richtung gehen. Außerdem versuchte ich die Konzerte nüchtern zu spielen, alles natürlich mit einer Erwartungshaltung, die auf Erfolg ausgerichtet war.

Obwohl das erste Godex Konzert doch recht gut war, bin ich danach nach Hause gekommen und war tot traurig. Ich betrank mich und sah in überhaupt nichts mehr irgendeinen Sinn. Zum ersten Mal hatte ich keinerlei Lust mehr auf Musik. Ich hatte auf überhaupt nichts mehr Lust. Das Einzige was übrig war, waren Drogen und Alkohol. Und sobald ich damit anfing konnte ich kaum mehr aufhören. Ich trank teilweise tagelang am Stück und versuchte am Wochenende, wenn ich frei hatte, mich auszunüchtern. Meine Beziehung war kaputt gegangen, mit der Band lief es scheiße und Geld war auch recht wenig da.

Mittlerweile war ich 34 Jahre alt und dachte darüber nach, wie soll es denn werden wenn ich 50 bin. Stehe ich dann morgens auf und trinke erst mal was Wodka? Wo soll das Ganze hinführen?
Schon Mitte 2009 hatten mich Freunde in eine Entzugsklinik stecken wollen. Allerdings stand zu der Zeit die Veröffentlichung des ersten Godex Albums an, ich musste aus meiner Wohnung raus und ich fand Entzugskliniken irgendwie cool – halt so Rockstar mäßig ;-). Dementsprechenden hielt ich es nur 3 Tage dort aus.
Jetzt war die Situation eine andere.

Welche Hilfe hast Du in Anspruch genommen? Wie gut hat das geklappt, so mit Anträgen stellen und allem drum und dran? Im Ruhrpott beispielsweise ist der Bedarf sehr hoch aber die Fachkräfte viel zu gering, um das alles bewältigen zu können. Wie in den meisten Ballungsgebieten eben. Wie sah das bei Dir aus? Hast Du für die Anträge Hilfe bekommen?

Tommy: Ich plante also meinen Entzug. Es war Dezember und ich entschied mich noch einmal über den Weihnachtsmarkt zu gehen und mich ein letztes Mal am Glühweihstand zu erfreuen. Ich trank und trank und trank. Am nächsten Tag fuhr ich zu meinen Eltern. Die lebten im Osten Deutschlands und es war eine lange Zugfahrt. Ich trank einfach weiter und die Zugfahrt war echt kurios, mit einem kleinen Zwischenstopp in der Ausnüchterungszelle der Bullen in irgendeinem Bahnhof.

Als ich nun endlich angekommen war ging es recht schnell in die örtliche Entgiftungsklinik. Ich machte eine Entgiftung von ca. 21 Tagen. Der Beginn war recht schwierig. Ich hatte sehr starke Entzugserscheinungen und konnte nächtelang kaum schlafen. Aber mit und mit wurde es besser. Ich lernte dort tolle Menschen kennen und wurde sehr gut betreut. Die Klinik hatte einen sozialen Dienst, der mir eine Langzeittherapie organisierte. Ich musste also im neuen Jahr nur noch ein paar Tage nüchtern bei meinen Eltern verbringen und dann ging es auch schon in die Therapie. Mein Körper hatte starke Probleme mit der Umstellung, ich war sehr infektanfällig und somit musste ich mit recht hohem Fieber vom Osten wieder in den Westen reisen um meine Therapie anzutreten. Vor Ort wurde ich dann gesundheitlich durchgecheckt und kam in die Station für Neuankömmlinge.

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Welche Behandlungsmethoden wurden vorgeschlagen respektiv letzten Endes auch angewendet? Wie lange hat das alles gedauert oder dauert es noch an?

Tommy: Es war eine sehr, sehr große Klinik. Wir Patienten wurden in verschiedene Gruppen eingeteilt, die wiederum aus Untergruppen bestanden. Die Behandlungsmethoden bestanden primär aus Gesprächstherapie, Sport und Ergotherapie. Außerdem bekamen wir strikte Regeln auferlegt.

Zum Beispiel durfte ich anfangs die Klinik nicht alleine verlassen, wir hatten klare Bettzeiten, in den Nächten wurden wir hin und wieder aus den Zimmern geholt und mussten Alkohol und Drogentests über uns ergehen lassen.

Nun ging es also mit der Therapie los und es gab extrem viel Potential für mich, Regeln zu brechen. Wenn jemand eine Regel gebrochen hatte, gab es einen Verweis. Ich glaube das hieß, man bekommt ein „A“ oder so. Bei zu vielen Verweisen drohte der Ausschluss und immer wenn jemand einen Verweis bekommen hatte, wurde in der Gruppe darüber bis zum Erbrechen debattiert und Derjenige musste sich rechtfertigen.
Wenn ich jetzt so zurückblicke war es eine sehr schöne Zeit. Ich habe tolle Leute kennengelernt, der gegenseitige Austausch war sehr intensiv und ich habe immer die richtigen Menschen zur richtigen Zeit getroffen. Denn es war auch eine schwere Zeit. Ich legte mich regelmäßig mit meinen Therapeuten an, stellte Sinn und Zweck der Behandlungsmethoden in Frage und brach eine Regel nach der Anderen, bis ich dann von meiner Therapeutin eine längere Auszeit verschrieben bekommen habe.

Nach Beendigung der Auszeit fand es meine Therapeutin eine super tolle Idee, mich in die Mitte der Gruppe zu setzen und alle durften einmal über mich herziehen. Naja, da wurden schon recht komische Methoden angewandt, mit denen ich auch große Probleme hatte.

Von der Therapie an sich empfand ich die Klinik als nicht so gut. Allerdings gab mir die Langzeittherapie die Möglichkeit mein Leben zu überdenken, alte Gewohnheiten abzulegen und einfach ganz viel Zeit, um mein Leben und meine Zukunft neu auszurichten.
Ich bin sehr dankbar, dass mir diese Möglichkeit gegeben wurde und habe sie für meine Bedürfnisse optimal genutzt.

Mittlerweile wurde es Mai und das Ende der Therapie kam in Sicht. Die Anspannung vor der Freiheit war recht groß. Komm ich auch alleine zurecht? Wie komme ich damit klar, wenn andere Menschen um mich herum Alkohol trinken? Kann ich selber nein sagen? Kann ich weiter Musik machen? Die Musik war ganz eng verbunden mit Drogen und Alkohol. Bekomme ich das hin? Was ist wenn ich rückfällig werde? Gehe ich zur Nachsorge und zu einer Selbsthilfegruppe oder scheiß ich drauf? Wird das Thema Alkohol und Drogen mich weiterhin beschäftigen? Komme ich davon jemals komplett runter? Was ist, wenn ich wieder traurig und depressiv werde?

Viele Fragen konnte ich schon während meines Klinikaufenthaltes klären und mit den Therapeuten und dem sozialen Dienst besprechen. Vieles blieb aber eben unsicher.

In dem Augenblick als ich die Klinik verlassen habe begann der eigentliche Reifungsprozess, denn die Therapie war nur der Startschuss von einer weiteren und ganz wesentlichen Entwicklung. Dies ist dann aber ein ganz eigener Abschnitt in meinem Leben, der durch die Fragestellung bestimmt war, wie schaffe ich es, mich von den Drogen zu befreien. Und falls Du und Deine Leser hier weiteres Interesse haben, kannst Du mich gerne wieder ansprechen.