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Bernd Drücke im Interview – „Dem Staat Freiheiten abtrotzen“

Über Anarchismus und die erste Hausbesetzung in der Geschichte Unnas habe ich mit mit Bernd Drücke, Redakteur der Graswurzelrevolution, gesprochen – beziehungsweise es ging alles per E-Mail. Die Thematik ist allerdings sehr komplex, daher wird an manchen Stellen trotz ausführlicher Antworten auch noch auf Videos et cetera verwiesen, um die Antwort zu ergänzen.

2017 beim Straßenfest des Wohnprojekts Breul-Tibusstraße Münster: Bernd Drücke mit Graswurzelrevolution. Foto: GWR-Archiv
2017 beim Straßenfest des Wohnprojekts Breul-Tibusstraße Münster: Bernd Drücke mit Graswurzelrevolution. Foto: GWR-Archiv

Hallo und willkommen zum Interview. Bitte erzähle unseren LeserInnen doch einmal was genau Du machst, wer Du bist und nenne einige Eckdaten.

Bernd Drücke: Ich bin Doktor der Philosophie, Soziologe, Journalist und Buchautor. Ich war Lehrbeauftragter an der Uni Münster und seit 1998 arbeite ich u.a. als Koordinationsredakteur der Monatszeitung Graswurzelrevolution. Seit 1991 lebe ich mit meiner Liebsten und unseren Kindern in einem selbstverwalteten, alternativen Wohnprojekt in Münsters Altstadt.

Du bist am 24.12.1965 in Unna geboren, sagt Wikipedia. Und ich habe gelesen, dass Du dort an einer Hausbesetzung teilgenommen hast. Da ich aktuell dort wohne, in Unna, nicht in dem Haus, nehme ich an, würde ich gerne mehr darüber wissen, wie es dazu kam, wie es ausging.

Bernd Drücke: Ich bin in Unna aufgewachsen und dann 1986 zum Studium der Politikwissenschaft, Soziologie und Pädagogik nach Münster gezogen. An den Wochenenden war ich aber bis 1990 noch oft in Unna, weil ich dort in einer Blues-Band gespielt habe und wir am Wochenende geprobt und manchmal Gigs gemacht haben. Damals gab es in Unna eine recht lebendige Blues-, Hippie- und Punkszene. Am 22. Mai 1989 wurde eine befreundete Punk-WG auf die Straße gesetzt. Ich habe mich mit den plötzlich obdachlosen Freunden solidarisiert. Zusammen mit zunächst 15 Leuten haben wir dann am 23. Mai 89 das Haus Westring 10 besetzt und in „Unslhausen“ (Unser Haus) umbenannt. Das war wahrscheinlich die erste Hausbesetzung in Unna. Die Polizei reagierte besonnen: „Seht zu, dassa das mitta Stadt regelt, und laßt die Nachbarn in Ruhe.“ (zitiert nach Unslhausn, Zeitung der Unnaer Commune, Juni 1989, S. 4)
In meiner Oberstufenzeit am Geschwister-Scholl-Gymnasium Unna war ich Schülervertreter und Schülerzeitungsredakteur. In den Osterferien 1985 hatte ich ein Praktikum beim Hellweger Anzeiger (HA) gemacht und danach als freier Autor Artikel für diese Unnaer Lokalzeitung geschrieben. Dieser gute Draht zur HA-Redaktion war dann während der 14tägigen Hausbesetzung 1989 ein Glücksfall. Wir haben eine gute Pressearbeit gemacht. Der HA hat fast täglich und zumeist solidarisch und mit Sympathie berichtet, während Unslhausn von Tag zu Tag bunter wurde. Immer mehr Menschen kamen ins besetzte Haus, in dem täglich pleniert, gemalt, renoviert und gefeiert wurde. Die positive Berichterstattung in den Medien führte zu einer Solidarisierung. Viele Menschen haben Getränke und Essen vorbeigebracht. Wir haben ein Spendenkonto eingerichtet, Flugblätter und die Hausbesetzerzeitung „Unslhausn“ produziert. Darin findet sich auch die „Chronologie der KommUNNA 1 – 22.5. bis 7.6.1989“, aus der ich gerne zitiere: „Sonntag, 28. Mai 89: Schwarzrote Geisterstadtdemo gegen Wohnungsnot. ‚Zwischenkundgebungen‘ auf dem Alten Markt und vorm neuen Rathaus. Obdachlose stellen in den spontanen Reden verantwortliche Politiker an den Pranger, die zwar 26,5 Millionen für diesen ‚Prestigebunker‘ verbauten, aber den Opfern ihrer Politik wegen ‚Sachzwängen‘ das Menschenrecht auf eine Wohnung verwehren. ‚Baudezernent Lindemann hat in den letzten Jahren mehr Wohnraum zerstört, als der Zweite Weltkrieg‘. (…) 70 Jahre nach der Münchner Räterepublik ruft ein Sympi im ‚befreiten Teil Unnas‘ die ‚anarchistische Räterepublik UnnA‘ aus.“ (S. 4)
Die Räumung am 6. Juni 1989 war, verglichen mit Räumungen, die ich später bei Hausbesetzungen in Münster erlebt habe, harmlos und „sozialdemokratisch“. Allen Besetzern, die obdachlos waren, wurde von der Stadt Unna Ersatzwohnraum zur Verfügung gestellt. Es gab keine Kriminalisierung. Unslhausn war zwei Wochen lang ein temporärer Freiraum, in dem Freundschaften gewachsen sind. Auch wenn aus dem besetzten Haus vielleicht ein tolles Soziales Zentrum und Wohnprojekt hätte werden können, allein das Gefühl „zwei Wochen gelebte Utopie, gegenseitige Hilfe und Freiheit“ war für die meisten Beteiligten sicher ein Gewinn fürs Leben. Dabei kamen die zeitweise bis zu 40 Besetzer*innen aus ganz unterschiedlichen sozialen Milieus, vom „Lumpenproletarier“, der „Pechvogelfraktion“ bis hin zu dadaistisch inspirierten Künstlern und intellektuellen Anarchisten.

Bernd Drücke beim Ostermarsch 1989 in Dortmund. Foto: privat
Bernd Drücke beim Ostermarsch 1989 in Dortmund. Foto: privat

Wo siehst Du die Unterschiede zu Hausbesetzungen damals ↔ heute? Wie schwer war es damals und ist es heute? Hat es Wirkungskraft verloren oder eher gewonnen?

Bernd Drücke: Jede Besetzung ist anders. Die meisten Hausbesetzungen werden innerhalb kurzer Zeit geräumt und anschließend von der offiziellen Geschichtsschreibung vergessen. Das war damals so – und das ist heute nicht anders. Die größten Hausbesetzer*innenbewegungen gab es Anfang der 1970er, Anfang der 1980er und 1990. 1981 waren allein in West-Berlin 140 Häuser von mehr als 3.000 Menschen besetzt, 1990 allein in Ost-Berlin 130. Die Hausbesetzungen sind im Zusammenhang mit Wohnungsnot, Gentrifizierung und Umstrukturierung zu verstehen. Sie waren und sind oft auch Ausdruck eines politischen Konzepts, welches sich gegen den Kapitalismus richtet. Insbesondere den aus dem studentischen Milieu entstammenden Hausbesetzer*innen ging es um die Herstellung einer gemeinsamen Bewegung, um den gemeinsamen Kampf gegen die zunehmend fremdbestimmte und individualisierte kapitalistische Arbeitswelt. Das kollektivistisch organisierte Leben in den besetzten Häusern galt als Gegenmodell zu der zunehmend als Entfremdung wahrgenommenen Lebensweise im kapitalistischen System. Es galt, die „Trennung des Lebens im Kapitalismus in Arbeit einerseits und Freizeit andererseits“ aufzuheben und zugunsten kollektivistischer Lebensformen zu beseitigen. Das kollektivistische Konzept war somit Ausdruck des Traums von einem menschenfreundlicheren Leben. Es richtete sich gegen das kapitalistische Gesellschaftssystem, weil dieses in den Augen der Hausbesetzer*innen für die Trennung beider Lebensbereiche verantwortlich war. Es gab viele Räumungen, aber es gibt auch etliche Beispiele, wo besetzte Häuser legalisiert und die Freiräume in veränderter Form erhalten werden konnten. Zur Geschichte der Hausbesetzer*innenbewegungen habe ich einiges zusammengetragen und u.a. auf www.uwz-archiv.de dokumentiert. Und noch aktueller – hier ein Vortrag zum Thema:

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Apropos Häuser: Die Lage ist ernst. Wie nützlich sind Organisationen wie Stiftung Trias, das Mietshäuser Syndikat und ähnliches? Wie läuft das bei solchen Projekten als Mieter? Im groben Überblick erschien es mir für Mieter ziemlich teuer und weit weg von einer Alternative zu den „normalen“ Sozialwohnungen.

Bernd Drücke: Unser Wohnprojekt Breul-Tibus in Münster haben wir mit 60 Bewohner*innen in einer langjährigen Auseinandersetzung in den 1990ern durchgesetzt. Siehe dazu:

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Es ist selbstverwaltet, aber kein Teil des Mietshäusersyndikats, auch wenn unser 1991 gegründeter Verein zur Erhaltung preiswerten Wohnraums e.V. (VzEpW) mit dem Projekt sympathisiert. Das Mietshäusersyndikat gibt es ja erst seit 1999. Wir hatten unser Wohnprojekt schon vorher durchgesetzt und 1997/98 saniert. Ich finde, das Mietshäusersyndikat ist ein wichtiges Projekt zum gemeinschaftlichen Erwerb von Häusern, die selbstorganisiert in Gemeineigentum überführt und so dem Kapitalmarkt entzogen werden, um langfristig bezahlbare Wohnungen und Raum für selbstverwaltete Initiativen von unten zu schaffen. Mittlerweile gibt es über 135 Hausprojekte in Deutschland, die zu diesem basisdemokratischen Netzwerk gehören, in Münster z.B. die wachsende Grafschaft 31 (https://grafschaft31.org/), mit der wir befreundet sind. Ich denke schon, dass das Mietshäusersyndikat eine gute Alternative zu den „normalen“ Sozialwohnungen ist.
Zur Stiftung Trias kann ich Dir dagegen nicht mehr erzählen als auf der Homepage https://www.stiftung-trias.de/home/ steht.

Bernd Drücke im Interview - „Dem Staat Freiheiten abtrotzen“

Laien können sich einen groben Überblick bei Rayk Anders oder in diversen Satire-Sendungen verschaffen. Das ist meine Vorgehensweise, weil es für mich einfach zugänglich ist (Humor und Wissen in Kombination) und das Gefühl: Verstehe sogar ich. Da Du mit der Graswurzelrevolution eine Zeitung veröffentlichst: Siehst Du an der Herangehensweise auch ein Problem (Tageszeitungen ↔ Rezipienten) und dem Verstehen? Häufig sind Tageszeitungen gespickt mit Fremdwörtern und beim Frühstück oder als Freizeit möchte man das möglichst einfach zugänglich vorfinden. Was können Zeitungen, Magazine aber auch LeserInnen anders machen? Oder sollten sogar?

Bernd Drücke: Ich denke, die Graswurzelrevolution (GWR) fällt als Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft da ziemlich aus dem Rahmen. Anders als bei einer Tageszeitung hast du vier Wochen Zeit, sie zu lesen, bis die nächste Ausgabe kommt. Wir machen vieles anders und unterscheiden uns von den „Mainstream-Zeitungen“. Die GWR ist als unabhängiges Sprachrohr sozialer Bewegungen basisdemokratisch organisiert und finanziert sich nicht durch Werbung, sondern durch ihre Abonnent*innen und Spenden. Sie ist assoziiert mit der 1921 gegründeten War Resisters‘ International (WRI), der antimilitaristischen Internationale, die aus 87 Organisationen in 45 Ländern besteht. Die GWR-Autor*innen kommen und berichten aus aller Welt, sind aktiv in der Klimabewegung, in der Anti-Atom-, Antifa- und Friedensbewegung, in feministischen, anarchistischen Gruppen und sozialen Bewegungen. Sie schreiben ehrenamtlich und aus emanzipatorischer Sicht. Das sind keine Profis und einige sind vielleicht manchmal auch ein bisschen verkopft. Von daher werden wir nie die perfekte Zeitschrift herausbringen. Die Kritik, manche unserer Texte seien schwer zugänglich und fremdwortlastig, wird mmer mal wieder laut. Wir diskutieren das auch im HerausgeberInnenkreis, und viele unserer AutorInnen bemühen sich bewusst um einen einfachen, zugänglichen Schreibstil. Andere aber entscheiden sich bewusst dagegen, und diesen wollen wir auch nicht zu viele Vorschriften machen. Die GWR ist ein Nischenblatt und erreicht kein Millionenpublikum, sondern vor allem Menschen aus den sozialen Bewegungen und Intellektuelle. Als kleine Bewegungszeitung erreichen wir Leute, die oft selbst aktiv werden und sich an Demos und Aktionen beteiligen. Ich zitiere mal aus unserer Selbstdarstellung: „Graswurzelrevolution bezeichnet eine tiefgreifende gesellschaftliche Umwälzung, in der durch Macht von unten alle Formen von Gewalt und Herrschaft abgeschafft werden sollen. Wir kämpfen für eine Welt, in der die Menschen nicht länger wegen ihres Geschlechtes oder ihrer geschlechtlichen Orientierung, ihrer Sprache, Herkunft, Überzeugung, wegen einer Behinderung, aufgrund rassistischer oder antisemitischer Vorurteile diskriminiert und benachteiligt werden. Wir streben an, daß Hierarchie und Kapitalismus durch eine selbstorganisierte, sozialistische Wirtschaftsordnung und der Staat durch eine föderalistische, basisdemokratische Gesellschaft ersetzt werden. Schwerpunkte unserer Arbeit lagen bisher in den Bereichen Antimilitarismus und Ökologie. Unsere Ziele sollen – soweit es geht – in unseren Kampf- und Organisationsformen vorweggenommen und zur Anwendung gebracht werden. Um Herrschafts- und Gewaltstrukturen zurückzudrängen und zu zerstören, setzen wir gewaltfreie Aktionsformen ein. In diesem Sinne bemüht sich die anarchistische Zeitung Graswurzelrevolution seit 1972, Theorie und Praxis der gewaltfreien Revolution zu verbreitern und weiterzuentwickeln.“ (siehe: www.graswurzel.net)

Was würde für Bücher gelten? Alexander Berkman – ABC des Anarchismus empfand ich vom Titel her als Einstieg, aber abgeholt gefühlt habe ich mich nicht. Geht durch die bisher verwendeten Formulierungen auch eine gewisse Spannung verloren, der berühmte Funke für das eigene Interesse, das geweckt werden möchte? Was wäre Deine Empfehlung?

Bernd Drücke: Mich haben als junger Mensch zum Beispiel die Bücher „Anarchie“ von Errico Malatesta und „Was ist eigentlich Anarchie?“ aus dem Karin Kramer Verlag für den Anarchismus begeistert. Ebenso „Der kurze Sommer der Anarchie“ von Enzensberger und „Mein Katalonien“ von Orwell. Die besten Bücher zum Einstieg ins Thema sind m.E. die von Horst Stowasser: „Anarchie!“ (Edition Nautilus) und „Leben ohne Chef und Staat“ (Karin Kramer Verlag), außerdem „Gelebtes Leben“ (Edition Nautilus) und alle anderen Bücher von Emma Goldman, sowie der Sammelband „Anarchismus – Theorie, Kritik, Utopie“ und die Einführung „Gewaltfreier Anarchismus & anarchistischer Pazifismus“ aus dem Buchverlag der Graswurzelrevolution.
Bei meinen eigenen Büchern bemühe ich mich um Verständlichkeit. Da kann ich Dir die von mir herausgegebene „ja! Anarchismus“-Interviewbuchreihe empfehlen. Eine erweiterte Neuauflage von „ja! Anarchismus. Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert“ mit einem Vorwort von Konstantin Wecker ist im Oktober 2018 im Unrast Verlag erschienen, „Anarchismus Hoch 4“ erscheint dort voraussichtlich im Oktober 2020. Außerdem ist als Einstieg in das für den Anarchismus wichtige Thema Spanischer Bürgerkrieg geeignet: „Abel Paz und die Spanische Revolution“, das ich 2004 mit Martin Baxmeyer und Luz Kerkeling im Verlag Edition AV herausgegeben habe. Meine Dissertation „Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht? Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland“ (Verlag Klemm & Oelschläger 1998) ist mit 640 Seiten ein bisschen fett, aber als Inspirationsquelle vielleicht geeignet. Da findet sich sogar die „Unslhausn“!

Galerie zu Unslhausn

Schon damals, als es diese Chaostage in Hannover gab, die stark aus dem Ruder gelaufen sind, und wahrscheinlich auch davor, gab und gibt es das Verständnis: Chaos, Zerstörung, „machen was man möchte“ ohne Regeln, Gesetze, Moral, … aber das beschreibt den Begriff der Anomie, den viele Medien immer wieder gleichsetzen mit Anarchie. Wie kommt das, wie lässt sich das ändern oder ändert sich das gerade schon? Bezogen auf Letzteres macht der Artikel „Neue Impulse in der anarchistischen Organisationslandschaft“ in der GWR 441 einen solchen Eindruck. Falsch, zu übermütig, …? Was bringt Menschen dazu sich das heutzutage näher anzuschauen?

Bernd Drücke: Na ja, die Chaostage haben mit Anarchie, wie ich sie verstehe, nicht viel zu tun. Sie entsprechen vielleicht eher dem Klischee „Anarchie = Chaos“. Ich mache zum Anarchie-Thema oft Vorträge und gebe Interviews, die ich Dir hiermit empfehle, um den Rahmen dieses Interviews nicht zu sprengen. Siehe z.B.:

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Wie würde – das ist selbstverständlich eine eher utopische Sicht – denn eine Gesellschaft, in der Anarchisten leben, aussehen? Wenn nicht so, wie es die Anomie beschreibt, wie dann?

Bernd Drücke: Anarchie aus anarchistischer Sicht ist das Paradies auf Erden, eine Gesellschaft ohne Chef und Staat, die solidarisch, ökologisch und freiheitlich-sozialistisch ist. Es wäre die bis heute immer noch ausstehende Verwirklichung der Französischen Revolutionsforderung: „Freiheit! Gleichheit! Geschwisterlichkeit!“ Anarchie ist nicht Regellosigkeit, Chaos oder Terror, sondern die höchste Form der Ordnung. Oder wie Immanuel Kant 1798 sagte: „Anarchie ist Freiheit und Gesetz ohne Gewalt.“ Siehe dazu:

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Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass man selbst schon anarchistisch lebt, obwohl man von der Idee vielleicht gar nicht oder nur wenig angetan ist. Vielleicht wegen der falschen Assoziationen damit?

Bernd Drücke: Viele Menschen möchten gerne möglichst herrschaftsfrei und weniger entfremdet leben, schrecken aber aufgrund der allgegenwärtigen Diffamierung des Anarchiebegriffs davor zurück, sich selbst als Anarchist oder Anarchistin zu bezeichnen. Das ist verständlich.
Vielleicht werden wir alle als Anarchisten geboren und die meisten sterben als Idioten? Adorno hat mal gesagt, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt. Das stimmt. Aber es gibt ein Leben. Und wir können jetzt schon gemeinsam mit anderen versuchen, soviel wie möglich von der eigenen Utopie zu leben. Gegenseitige Hilfe und freie Assoziation statt Ausbeutung und Unterdrückung. Der türkische Dichter Nazim Hikmet hat das mal schön beschrieben: „Leben wie ein Baum, einzeln und frei, doch brüderlich wie ein Wald, das ist unsere Sehnsucht.“

Hat sich mit der Abschaffung des „Zwangsdienstes“ – sprich Bundeswehr oder Zivildienst – jetzt auch die Berichterstattung erledigt? Oder verfolgt ihr in der GWR das Thema weiter? Was sind für Dich die logischen Konsequenzen daraus? Muss jemand, der die Idee des Anarchismus zumindest teilweise befürwortet, eine Totalverweigerung anstreben? Gibt es eigentlich auch „Nachzügler“, die der Idee erst später etwas abgewinnen konnten, aber vorher schon einen Dienst absolviert haben? Wie sind Deine Erfahrungen damit? Ist es schwieriger, jemandem die Ideen zu vermitteln, wenn man von dort kommt?

Bernd Drücke: Das ist wieder so ein Thema, das den Rahmen dieses Interviews sprengen würde, wenn ich das alles beantworte. Ich verweise deshalb auf einen aktuellen Artikel von mir, den ich als Gastbeitrag für die Wochenzeitung Jungle World geschrieben habe: https://www.peira.org/die-waffen-nieder/

Während die Sex Pistols den Anarchismus in eine Karikatur verwandelten, gibt es viele andere Bands wie Crass, die das ernster genommen haben. Welche Künstler bringst Du mit Anarchismus in Verbindung – privat wie allgemein?

Bernd Drücke: Viele, von Joe Hill, Georges Brassens, Léo Ferré, Woody Guthrie, Ton Steine Scherben, CRASS, Cochise, John Cage, Konstantin Wecker, WIZO, Dog Faced Hermans, Anarchist Academy, Feine Sahne Fischfilet bis Chumbawamba und Lebenslaute. Besonders prägend waren für mich in meiner Jugend anarchistische Bands wie Ton Steine Scherben und Cochise. Wir leben aber nicht auf dem Planeten Anarres. Mir gefallen viele Bands, auch wenn die sich nicht unbedingt als explizit anarchistisch verstehen.

Wieso ist Anarchie für die Herrschenden – wahrscheinlich weltweit – ein rotes Tuch? Also abgesehen von so oberflächlichen Dingen wie Verlust der Macht, des vermeintlichen Erfolgs, … und warum forcieren Medien das falsche Bild, das der Anomie, statt wirklich mal Tacheles zu reden?

Bernd Drücke: „Oberflächliche Dinge“ ist lustig. Der drohende Verlust von Macht ist sicher ein wichtiger Aspekt. Zudem kommt hinzu, dass seit Jahrhunderten ein Zerrbild der Anarchie als Chaos und Terror gezeichnet wird, das viele Leute verinnerlicht haben. Die meisten Medienmacher von taz bis FAZ haben in dem Zusammenhang ein Brett vorm Kopf und vielleicht auch Angst vor der Freiheit, die die Anarchist*innen anstreben. Viele Leute sind nicht bereit, sich unvoreingenommen mit der Weltanschauung, Utopie und Bewegung, die hinter dem Anarchie-Begriff steht, ernsthaft auseinanderzusetzen. Dagegen schreiben wir in gewisser Weise in der GWR an und auch meine Interviewbuchreihe hat das Ziel, das erwähnte Zerrbild aufklärerisch zu zerreißen.

Die GWR ist gewaltfrei. Es gibt eine klare pazifistische Haltung. Wehrt sich ein Pazifist nicht oder geht es „nur“ darum, nicht den ersten Schritt zu machen beziehungsweise vorher genügend Versuche der Schlichtung vorgenommen zu haben? Was geschieht bei Mobbing, struktureller Gewalt, …?

Bernd Drücke: Gewaltfreier Widerstand hat nichts mit Wehrlosigkeit zu tun. Die erfolgreichsten Bewegungen des 20. Jahrhunderts waren weitgehend gewaltfrei. Der gewaltfreie Widerstand der gandhianischen Bewegung hat die britische Kolonialmacht in Indien in die Knie gezwungen, direkte gewaltfreie Aktionen spielten in der Anti-Apartheid-Bewegung und dem afroamerikanischen Widerstand gegen den Rassismus in den USA eine entscheidende Rolle. Die DDR ist vor allem aufgrund der erfolgreichen, gewaltfreien Protestbewegung gegen die SED-Diktatur heute Geschichte. Ein Großteil der Aktionen gegen den mittlerweile ziemlich zurückgedrängten Atomstaat in Deutschland war und ist gewaltfrei. Das gilt auch für die neue Klimagerechtigkeitsbewegung. „Je mehr Gewalt, desto weniger Revolution“, hat der gewaltfreie Anarchist Bart de Ligt mal treffend formuliert. Die Utopie einer gewaltfreien, herrschaftslosen Gesellschaft kann nicht mit Blutbädern realisiert werden. Natürlich müssen wir auch gegen Mobbing und strukturelle Gewalt vorgehen. Auch mit phantasievollen Sabotage- und Kommunikationsguerilla-Aktionen. Es wird ein fröhliches Lachen sein, das den Kapitalismus hinter sich lassen wird.

Woran ist es bisher gescheitert, dass es keinen anarchistischen Staat gibt? Und welcher Staat weist schon Tendenzen auf? Gibt es eine Art „Mittelweg“? Diktatur ist bescheiden, Utopien nicht realisierbar, sondern theoretische Konstrukte zum Ausrichten, aktuelle politische Verhältnisse auch nicht so prickelnd. Wäre ein basisdemokratischer Staat sinnvoll, möglich, …? Gibt es Beispiele?

Bernd Drücke: Ein anarchistischer Staat ist ein Widerspruch in sich. Wir kämpfen ja gerade dafür, dass alle Staaten und Grenzen perspektivisch verschwinden und die Menschen sich anders, ökologisch, solidarisch und kollektiv von unten organisieren.
Vor allem geht es heute auch darum, dem Staat Freiheiten und Freiräume abzutrotzen und soziale Errungenschaften durchzusetzen beziehungsweise zu verteidigen. Das ist gerade heute, im neoliberalen Zeitalter von Trump, Bolsonaro, AfD und Klimakatastrophe besonders wichtig. Ich lehne Staaten und Parteien ab, aber wenn es darauf ankommt, setze ich mich auch mit Sozialdemokraten, Kommis und allen anderen Antifaschisten in eine Blockade, um Nazis zu stoppen. Ich setze auf eine gewaltfreie Revolution, die von unten wächst und wie ein Rhizom breite Teile der Gesellschaft erfasst. Aber wenn die Gesellschaften autokratischer werden und ein neuer Faschismus aufzieht, wie wir das heute erleben, dann mache ich als Anarchist vor allem auch antifaschistische Bündnispolitik, um die Faschisten aufzuhalten. Das hat höchste Priorität. Wir müssen aus der Geschichte lernen, wenn wir nicht morgen in einer neofaschistischen Diktatur aufwachen wollen.

Die Fragen deuten hoffentlich daraufhin. Du bist vielfältig unterwegs. Was genau machst Du aktuell, in welchen Projekten bist Du involviert?

Bernd Drücke: Neben meiner Arbeit mache ich zum Beispiel Veranstaltungen und Radio-Graswurzelrevolution-Bürgerfunksendungen: https://www.nrwision.de/mediathek/sendungen/radio-graswurzelrevolution/
Ich beteilige mich an Demos und Aktionen. Einmal im Monat plakatiere ich antifaschistische Plakate an die Paul-Wulf-Skulptur in Münster, die an den 1938 von den Nazis zwangssterilisierten Anarchisten Paul Wulf erinnert. Paul (1921-1999) war ein sehr guter Freund von mir. Unser Freundeskreis Paul Wulf hat in Münster u.a. auch eine Straßenumbenennung für ihn durchgesetzt und arbeitet gerade an einem neuen Buch, das wir zum 100. Geburtstag von Paul herausbringen wollen. Heute gehe ich als Erinnerungspate im Auftrag der Bezirksregierung Münster in die Schulen und erzähle den Kids über das Leben und die Erfahrungen meines Genossen Paul. Das ist Dialektik, ein Anarchist macht antifaschistische Aufklärungsarbeit im Auftrag der Regierungspräsidentin. Das Leben steckt voller Widersprüche.

Welche Anregungen kannst Du unseren Lesern mitgeben? Worauf gilt es zu achten, wie schützt man sich? Was ist im Kleinen schon umsetzbar, in den Beziehungen zu- und untereinander? Auch wenn Anarchie eher eine Utopie, denn realitätsnah ist. Wie ließe sich das letztendlich umsetzen? In einem Interview bin ich kürzlich darauf gestoßen, das jemand – angesprochen auf Anarchismus und was er damit verbindet – sagte, dass dieser nicht realisierbar sei, weil die Strukturen, klare Organisation, … abgelehnt werden, diese aber unabdingbar wären für eine Realisation. Was ist dran?

Bernd Drücke: Niemals aufgeben. Wir brauchen einen langen Atem. Basisdemokratische Strukturen sind notwendig, um dem Ziel einer klassenlosen, libertär-sozialistischen Gesellschaft näher zu kommen. Ein solidarischer, menschenfreundlicher und möglichst gewaltfreier Umgang untereinander. „Verteilt die Macht, damit sie keinen mächtig macht.“ Bei der Graswurzelrevolution machen viele ganz unterschiedliche Menschen zwischen 20 und 84 mit. Das finde ich toll. Das GWR-Kollektiv funktioniert und ist produktiv – seit 1972! Die Anarchie als Idealzustand der Menschheit werden wir wahrscheinlich alle nicht mehr erleben. Aber das Streben danach kann Kraft spenden und die Gesellschaft positiv verändern. Albert Camus hat mal sinngemäß gesagt, dass wir uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen müssen. So ist es. Anarchie und Glück!

Vielen Dank für das Interview, Deine Zeit und die Antworten.

Kontakt:
Redaktion Graswurzelrevolution
z.Hd. Bernd Drücke
Breul 43
48143 Münster
Tel.: 0251/4829057
redaktion[ätt]graswurzel[dot]net
www.graswurzel.net

Links:
https://de.wikipedia.org/wiki/Bernd_Dr%C3%BCcke
https://www.linksnet.de/autorin/druecke_bernd
https://www.youtube.com/watch?v=Ff23HmDZ6as