(c) Viktor Schanz - Radio Havanna
Interviews

Arni / Radio Havanna im Interview

Teilen macht Freude / Sharing is caring:
(c) Viktor Schanz - Radio Havanna
(c) Viktor Schanz – Radio Havanna

Per E-Mail konnte ich kürzlich ein Interview mit Arni von der Berliner Band Radio Havanna führen. Wir sprachen über die Verallgemeinerung, dem G20-Gipfel in Hamburg, dem Album Utopia und vielen anderen Dingen. Viel Spaß bei Radio Havanna im Interview.

1. Im Frühjahr 2015 habt ihr in einem Interview gesagt, dass ihr auf jeden Fall am Vorsatz weniger zu trinken scheitern werdet auf Tour. Jetzt sind über 2 Jahre vergangen, ein neues Jahr steht an. Scheitert ihr an diesem Vorsatz immer noch?

Ja, das mit dem Trinken ist ein ewiger Kreis. Obwohl uns da das Alter gut in die Hände spielt: mittlerweile sind wir solche alten Säcke, das wir mehr Zeit mit Schönheitsschlaf, als mit trinken verbringen müssen, um bestmöglichst zu performen.

2. Auch damals wart ihr schon mit den Hosen, Anti-Flag, NOFX und Co unterwegs. Welche Highlights gab es für euch im Jahr 2017?

Wir durften ja wieder recht viele Festivals spielen. Das waren 17 Sück.
Klare Highlight dabei war die Show auf dem Open Flair um 21 Uhr auf der Baumkreisbühne. Wir waren vor den Broilers dran – mega fett! Die Crew und das Festival durften wir zum dritten Mal besuchen und das alles ist super sympathisch und familiär trotz der Größe.

3. Ihr unterstützt zahlreiche Menschenrechtsorganisationen. Zeitgleich hört man immer mal wieder, und das war auch schon vor 15 Jahren so, dass es Verschwendung von Spenden kommt oder privat eingesteckt werden. Wie kann man heutzutage filtern, welche sind vertrauenswürdig und viel wichtiger noch, wie können solche und ähnliche Organisationen sich von diesen Vorfällen loslösen und Menschen überzeugen? Wie macht ihr das als Band?

Wir haben uns immer intensiv mit den NGOs beschäftigt mit denen wir zusammengearbeitet haben. Unter anderem sind wir auch selbst vor Ort gewesen, wie Fichte bspw. 2015 auf seiner Reise nach Lampedusa. In der Realität sehen solche Sachen immer nochmal dramatischer aus als auf dem Papier oder im Netz.
Außerdem haben wir ja im Sommer 2017 unsere eigene NGO „Faust hoch – gegen die AFD“ gegründet. Wir haben im Studio gerade den Song Faust hoch aufgenommen und über das Thema diskutiert. Auf einmal sagte einer „Hey wir haben einen Song, der heißt „Faust hoch“, dann lasst uns doch eine Kampagne danach benennen und den AFD Affen mal in den Arsch treten“.
Wunderbarerweise haben sich wirklich viele Bands, Musiker und Künstler an die Aktion angeschlossen. Da waren wir ehrlich gesagt teils echt überrascht wie sehr viele Bands Bock haben hier ein Zeichen zu setzen.

4. Ihr habt früher engen Kontakt zu Personen aus besetzten Häusern gehalten. Ist das auch heute noch so? Was sind eurer Meinung nach die Vorteile / Nachteile eines solchen Lebens und was – wenn überhaupt – können Menschen damit bewirken?

Ja klaro. In unserer Nachbarschaft sind diverse besetzte Häuser. Für den erhalt der Rigaer haben wir uns auch auf der Straße eingesetzt. Fichte wurde da sogar von einem Beamten die Nase gebrochen.
Nachteil ist natürlich, dass nicht klar ist wie lange man „geduldet wird“. Gerade in Berlin ist die Situation super angespannt. Vorteil ist natürlich, dass man sich selbst Freiräume schafft.

6. Mit G20 wurden die Stimmen wieder lauter, dass die Linken Krawallmacher seien. Macht es aus eurer Sicht Sinn Menschen überzeugen zu wollen, dass nicht alle Linken so sind und wenn ja wie könnte / sollte so etwas aussehen? Wie steht ihr zu den Auseinandersetzungen dort? Es gab ja schon sehr zeitnah Gerüchte, die immer mehr wurden, dass dort nicht nur Linke im sogenannten Schwarzen Block waren, sondern auch andere Personengruppen.

Das „Linke“ Krawallmacher sind, ist eine extreme Verallgemeinerung. Da muss man sich ja zunächst erstmal fragen wer überhaupt „Linke“ sein sollen. Sind das Hausbesetzer? Oder Grünen-Wähler? Leute die Auf Punkkonzerte gehen? Das ist nicht so einfach. Und auch bei Demos findet man keine homogene Masse. Das sind Menschen mit verschiedensten Motiven und Hintergründen. Da gibt es sicher Leute die zu jeder Art von Gewalt bereit sind. Mit denen kann ich überhaupt nichts anfangen, da ich an den friedlichen Fortschritt glaube. Das in Hamburg beim G20 allerdings Zivi-Cops unter den Demonstranten waren und die Stimmung Richtung Ausschreitung angeheizt haben, glaube ich nicht nur, sondern das steht ja auch schwarz auf weiß in den Berichten zum G20 Gipfel von den entsprechenden Behörden.

7. Wovon handelt eure beiden Stücke Faust hoch und Anti-Alles?

Faust Hoch ist für uns der Song der inhaltlich für uns das zusammengefasst was in Deutschland in den letzten Jahren immer intensiver passiert. Die AFD hat 13 % der Wählerstimmen und auch abseits solche nackten Zahlen merkt man meiner Meinung nach ein Abdriften der Stimmung hierzulande Richtung Fremdenhass und Intoleranz. Das Nazis scho immer ein Problem ist, ist klar, aber das Rassismus sich derart bürgerlich zeigt und salonfähig ist, ist in dieser Form neu und wie ich finde extrem besorgniserregend.

Anti Alles ist dazu eher ein Gegenpol. Da geht es um den Moment den viele kennen und an den sich viele gerne erinnern. Den Moment in dem einen alles egal war, in dem nur der Moment gezähl hat und der sich ganz ganz fest in den Hinterkopf eingebrannt hat.

8. Utopia heißt euer kommendes Album, das via Dynamit Records erscheinen wird. Welche Art Utopia haltet ihr für am wahrscheinlichsten realisierbar?

Ich glaube und hoffe das es keine atomare Apokalypse geben wird. Ich glaube wir werden uns eher in viele müßigen Schritten in eine „bessere“ Richtung bewegen. Die Vergangenheit zeigt das im Vergleich zu heute an einigen Stellen ganz gut. Vor 100 Jahren durften bspw. Frauen nicht wählen und Homosexualität war offiziell eine Krankheit. Das ist heute erfreulicherweise anders. Ich hoffe das wir noch sehr viele solche Schritte nehmen, denn die sind meiner Meinung nach dringend notwendig.

9. Wovon handeln auf dem kommenden Longplayer sonst eure Stücke?

Hör doch mal rein! 🙂
Wir versuchen da schon verschiedenste Themen zu bedienen. Das Leben besteht ja nicht nur aus Politik. Da passiert so viel mehr über das es sich lohnt Songs zu schreiben.

10. Ihr wart in Brasilien unterwegs. Wie war es dort für euch? Was waren einschneidende Erlebnisse – positiv wie negativ? Wie seid ihr dort aufgenommen worden – menschlich wie musikalisch?

Unsere Brasilien-Tour war eine wahnsinnig tolle Reise mit sehr intensiven Eindrücken. Ich meine wir durften da in einem Land spielen, das so weit weg von Deutschland ist. Dann spielen wir dort mit unseren deutschen Texten und die Leute sind einfach bei jedem der 6 Konzerte durchgedreht als würden sie gerade zum aller ersten Mal Rockmusik hören. Das Publikum dort war einfach so enthusiastisch und geil drauf, dass uns diese Shows sehr viel gegeben haben. Wir haben ja auch einen TV Auftritt im brasilianischen Staatsfernsehen gehabt. Das war echt skurril.
Das Ganze war aber auch deshalb so besonders, da wir die extreme Armut gesehen haben. Brasilien ist eben ein dritte Welt Land. Wir haben die Favelas in Rio gesehen und sind fast eine Stunde durch die Slums von Sao Paulo gefahren. Wir wissen, dass das was wir machen für diese Menschen erstmal nicht wichtig ist. Da geht es ums Überleben. Brasilien ist dahingehend ein unfassbar krasser Gegensatz in puncto Arm versus Reich.
Wir haben dort tolle Menschen getroffen und Freundschaften geschlossen die hoffentlich lange anhalten. So laden wie bspw. die Band Statues On Fire ein mit uns auf sunerer Albumtour zu spielen. Die Jungs haben uns vor Ort mit so vielen Dingen geholfen, das war echt unfassbar.

11. Welche Themen liegen euch sosehr am Herzen, das kein Aufschub mehr sinnvoll ist und eine kurzfristige Umsetzung vonstatten gehen sollte? Und wie könnte / sollte diese Umsetzung aussehen bei den Themen. Offensichtlich seid ihr der Meinung, dass es genug gibt – eure Songs thematisieren vielerlei politische Themen und ihr setzt euch damit entsprechend kritisch auseinander.

Da gibt es einige. Die AFD muss weg, aber Verbote bringen da nichts. Solange die Bevölkerung das nicht trägt nützt das leider nicht. Das Klima muss hierzulande wieder offener werden.

12. Irgendwelche letzten Worte für unsere Leser?

Immer schön humanistisch bleiben und das feiern nicht vergessen! 🙂

Nach Radio Havanna im Interview wollt ihr wahrscheinlich mehr über das Album wissen, oder? Gut, würde ich nämlich auch. Daher gibt es hier auch ein Track By Track Special mit Liner Notes zu Utopia:

Radio Havanna – Utopia Liner Notes von Gitarrist Oliver „Arni“ Arnold

Werbung / Ad

Views: 160

Teilen macht Freude / Sharing is caring:

Kommentare